Background im Porträt: Timon Gremmels Energieexperte der SPD im Bundestag

Frisch im Bundestag, und gleich mit komplexen Energiethemen betraut: Timon Gremmels kümmert sich für die SPD um den Gasmarkt – „aber erst ab dem Bohrloch!“, wie er betont. Fracking ist also nicht sein Bereich. Dazu kommen dafür Solarenergie, Atompolitik und Gebäudeeffizienz. Durch die verzögerte Regierungsbildung fand die Zuteilung erst im Februar statt. Das merkt man ihm auf öffentlichen Veranstaltungen nicht an. Bei einer Diskussion des Fachverbands Gebäudeklima im April zum Beispiel war er schon trittsicher aufgestellt im komplizierten Wärmemarkt.

Der 42-jährige Gremmels hat dafür eine einfache Erklärung: Acht Jahre lang war er im hessischen Landtag, sechs davon als energiepolitischer Sprecher. Die Energiewirtschaft kennt er auch aus eigener Erfahrung, neun Monate arbeitete er vor seiner Parlamentszeit beim nordhessischen Solartechnik-Hersteller SMA. „Ich bin im Stoff“, sagt er. Erstaunt ist er in Berlin aber darüber, „wie viele Lobbygruppen und Interessensverbände sich hier tummeln“. Als Regierungsfraktion stehe man ganz schön „im Feuer“.

Wie zahlreiche Umwelt- und Energiepolitiker seiner Generation ist auch Gremmels tief geprägt von der Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl 1986. „Damals war ich zehn Jahre alt und habe einfach nicht verstanden, was passiert ist und warum wir nicht mehr draußen spielen sollten. Das war schon traumatisch und prägt mich bis heute.“ Klar: Wer so etwas sagt, ist dem ökologisch engagierten Lager der Sozialdemokraten zuzurechnen.

Kann diese Gruppe in der Neuauflage des schwarz-roten Bündnisses etwas bewegen? „Wenn ich den Koalitionsvertrag lese, komme ich zum Schluss: Damit kann man arbeiten, damit kann man etwas erreichen“, sagt Gremmels, der ordentliches Mitglied im Wirtschaftsausschuss ist. Die Energiewende lasse sich nicht mehr aufhalten, der Kohle-Ausstieg komme so oder so, etwas früher oder etwas später. Und ein Klimaschutzgesetz sei ja für kommendes Jahr fest vereinbart.

Auch das Thema Akzeptanz der Energiewende treibt ihn um. „Das ist unheimlich mühsam, aber es lohnt sich, zu vermitteln. In meinem Wahlkreis wurden riesige Flächen für die Windkraft ausgewiesen, aber weil die Politik das auf jeder Ebene von Anfang bis Ende begleitet hat, gab es keine nennenswerten Konflikte mit der Bevölkerung.“ Bei der Einweihung jedes Windrads habe sogar ein Fest stattgefunden.

Fragt man danach, was an Erfolgen in dieser Legislaturperiode möglich wäre – ab welchem Punkt er stolz auf das Erreichte wäre –, fällt auf, wie bescheiden die Wünsche sind. „Wir wollen den erneuerbaren Energien mit den Sonderausschreibungen eine gute Perspektive geben und die Unsicherheit beenden.“ Zu einem systematischen CO2-Preis, der über die ganze Volkswirtschaft Emissionen einen Preis geben würde, sagt er trotz der Skepsis von Wirtschaftsminister Peter Altmaier und der ablehnenden Haltung weiter Teile der Union: „Ich habe das mit Sicherheit noch nicht aufgegeben. Vielleicht lässt sich nach der Wahl in Bayern etwas machen.“ Ökologisch orientierte Wirtschaftspolitiker backen neuerdings eben kleine Brötchen und bauen auf das Prinzip Hoffnung.

Besonders wichtig findet Gremmels, das Thema Erdgas im Blick zu behalten. „Wir können nicht kurz hintereinander aus Atom, Kohle und dann auch noch Erdgas aussteigen, das ist einfach nicht machbar.“ Entscheidend sei aber, die Voraussetzungen zu schaffen, grünes Gas in die Netze zu bringen. Zum Beispiel, indem der Sektorkopplung, in diesem Fall der Gasherstellung mittels Elektrizität, Steine aus dem Weg geräumt würden. Das habe er schon allein deshalb im Blick, weil in seinem Wahlkreis Kassel zahlreiche Gasunternehmen, unter anderem die große Wintershall, ihre Heimat hätten. Jakob Schlandt

 

Wer ist Ihr Stromversorger und warum?

Die Städtischen Werke Kassel. Die sind engagiert bei der Energiewende, das passt.

 

Was müsste passieren, damit Sie sich ein E-Auto zulegen?

Im Moment fahre ich noch einen Benziner, aber das nächste Auto wird elektrisch. Es ist gut, dass auch die deutschen Autohersteller verstanden haben, was Sache ist. In Baunatal bei Kassel investiert Volkswagen Milliarden in die Elektromobilität.

 

Wer aus der Umweltszene hat Sie beeindruckt?

Der SPD-Politiker Hermann Scheer, einer der Väter des EEG, weil er völlig neue Möglichkeiten für die Energiewende geschaffen hat. Er war persönlich unheimlich engagiert und hat manchmal nachts um ein Uhr angerufen, um eine Passage aus seinem Buchmanuskript vorzulesen. Und Günther Cramer, der Mitgründer von SMA. Er hat ein Weltunternehmen aufgebaut und die Energiewende damit enorm vorangebracht. Beide sind leider zu früh verstorben.

 

Welche Energie-Innovation der vergangenen Jahre war für Sie die wichtigste? Welche würden Sie sich wünschen?

Auch, weil ich bei SMA gearbeitet habe und die Technik gut kenne: Bessere Wechselrichter waren und sind enorm wichtig, um dezentral erzeugten Strom überhaupt sinnvoll verwenden zu können. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Sektorkopplung schnell vorankommt.

Erschienen im „Tagesspiegel Background“, 29.06.2018, https://background.tagesspiegel.de/. Der Abdruck des Portraits erfolgt mit Genehmigung durch Tagesspiegel Background.